Bommi Baumann: „Rausch und Terror“. Lesung und Diskussion
Was noch nicht erzählt wurde: Die Geschichte der Revolte von 1968 bis zum Afghanistankrieg von heute als Kampf gegen die Nüchternheit, erlebt von Bommi Baumann. Der frühere “Haschrebell” und Mitbegründer der “Bewegung 2. Juni” war 30 Jahre opiatsüchtig. Zur Frankfurter Buchmesse erschien “Rausch und Terror” im Rotbuch Verlag.
Es geht um Begehren, Sucht, Geschäft und Gewalt. „Ende der 60er Jahre fing ich in Westberlin an, regelmäßig Drogen zu nehmen. Damals waren wir gestartet, um eine Gesellschaft zu erreichen, in der die Menschen freier sein sollten. Heute leben wir in einer Gesellschaft, in der die Angst regiert. Der sogenannte Krieg gegen den Terror folgt dem Krieg gegen die Drogen“ schreibt Baumann. Auf dem Drogen-Schwarzmarkt werden jährliche Hunderte Milliarden umgesetzt. Davon leben die Mafia und Taliban, genauso wie ihre Gegner, die Sicherheits- und Rüstungsindustrie im Westen.
In den 70er Jahren fuhren Baumann und seine Freunde auf dem „Hippie Treck“ nach Afghanistan, um friedlich Drogen zu kaufen. Heute traut sich dort die Bundeswehr nicht aus ihren Kasernen raus, während die Mohnfelder jedes Jahr neue Rekordernten abwerfen. “Rausch und Terror” ist gleichzeitig ein persönlicher Erlebnisbericht wie ein politischer Essay über die Frage, warum die bisherige Drogenpolitik gescheitert ist.
Baumann schildert, wie junge Erwachsene in den Swinging Sixties anfingen, sich gegen die Polizei zu wehren, weil sie ihnen die Drogen wegnehmen wollte. Im Rausch fühlte man sich schneller, klüger und schöner. Entzugserscheinungen waren kein Thema. Es gab keine Erfahrungswerte, alle Drogen mußten ausprobiert werden. Die Parole lautete: „Opium, Haschisch, Heroin – für ein schwarzes Westberlin!“
Baumann war dabei, als an der TU Berlin zwischen Hippies, GIs und Jubelpersern die erste Junkie-Szene in Deutschland entstand. In „Rausch und Terror” erzählt er von Parties mit Aufputschmitteln, Morphium-Ampullen aus alten Nazi-Bunkern, radikalen Demos auf Meskalin und davon, wie er LSD-Versuchskanichen für den SDS war. Er quer durch Asien, wohnte in Opiumhöhlen und Heroin-Hotels, feierte am Strand von Goa mit Deserteuren des Vietnamkriegs und wanderte in den „Tribal-Areas“, dem Gebiet der Gesetzlosen zwischen Afghanistan und Pakistan, in dem später Osama Bin Laden mächtig wurde. Baumann konsumierte harte Drogen mit den Reichen in Rom, mit den Punks in London, mit seinen Mitgefangenen im Gefängnis und den Ravern der frühen Techno-Szene.
Zugleich entwirft er eine Architektur des Drogenkapitalismus, beleuchtet Geldwäsche als Militärstrategie und analysiert die neue Volkskrankheit Kokain als Hochleistungssport. Er zeigt, wie Pakistan zur Atombombe kam warum der Afghanistan-Krieg vom Westen nicht zu gewinnen ist.
Anders als viele RAF-Mitglieder war Baumann Arbeiterkind. Ende der 60er Jahre waren Boheme, Popkultur, Politik und Drogen eine Front. “Dafür töte ich!” rief sein Freund Georg von Rauch, nachdem er sich den ersten Schuß gesetzt hatte. Die “Bewegung 2. Juni”, die anarchistische Konkurrenz der RAF, basierte auf Junk. Durch Banküberfälle hatte man genug Geld. Baumann war einer ihrer Gründer und sagte sich als erster öffentlich vom „Bewaffneten Kampf“ los – 1975 mit dem Skandalbuch “Wie alles anfing”. Es wurde sofort verboten und konnte erst nach einer europaweiten Solidaritätskampagne erscheinen. „Rausch und Terror“ erzählt wie alles weiterging. Es ist eine Aufforderung zum Handeln, so dringlich formuliert wie beim Süchtigen: Es muß schnell etwas passieren – jetzt!
Beginn: 22h s.t., Eintritt: 6,-